»Natürlich wollten wir ihn.« So beginnt der Roman, und er endet: »Die Hand des Môme lag noch an Rahels Wange. Im Schlaf blies er … einen Seufzer, als fühlte er seine Umfriedung … Mond, weiße Wolken und tiefes Blau und die Stimme des Meeres sprachen in seine Entrückung.« Zwischen diesen beiden Polen – der schlichten Erwartung eines Kindes und dessen poetischer, fast religiöser Überhöhung zu einem Zukunftssymbol von Überleben, Rettung und Menschlichkeit – entfaltet sich der 1943 in New York unter dem Titel Birds of
Passage erschienene Exilroman von Iwan Heilbut.
Lea Ypi: Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme.
Aus dem Englischen von Eva Bonné. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. 390 S., 28 Euro. Konkret Buch des Monats 1/2026
Aus Lea Ypis Memoir Frei (2021) über ihr Aufwachsen im kommunistischen Albanien wissen wir, dass ihre Eltern als »Intellektuelle« verrufen waren und Schwierigkeiten mit ihrer »Biografie« hatten. Ihre geliebte Großmutter Leman, genannt Nini, prägte Ypis moralischen Kompass. Im neuen Buch der Professorin für politische Theorie an der London School of Economics rückt Lemans Geschichte in den Mittelpunkt. Der englische Originaltitel – Indignity. A Life Reimagined – signalisiert eine Mischung aus Familiengeschichte, philosophischer Betrachtung und literarischer Neuerfindung. Beide Bücher problematisieren die vielbeschworenen
westlichen Werte »Freiheit« und »Würde« und sind bevölkert mit Figuren, die sie auf unterschiedliche Weise verkörpern.
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»Willkommen im Zeitalter der Ermüdung«.
Kommt nicht recht aus dem Quark: Mit Egon Erwin Kisch auf Verbrecherjagd
Mit Angst und Sorge erwartet man im Mai 1910 in Prag die Wiederkehr des Halleyschen Kometen. Die Stimmung in der Stadt ist gedrückt, bei manchen panisch. Das machen sich »finstere Gestalten« zunutze. Mehrere Männer der gehobenen Gesellschaft werden tot aufgefunden. Alle haben ein leeres Glasfläschchen in der Tasche. Selbstmord? Mord? Eine Verschwörung?
»Die Schatten von Prag. Kischs erster Fall«, der Buchtitel zeigt an, dass hier eine neue Krimireihe – der zweite Fall ist bereits unter dem Titel »Die Feuer von Prag« erschienen – etabliert wird. Protagonist ist die Stadt, Egon Erwin Kisch der Ermittler. Eine glänzende Idee, wie wird sie eingelöst?
Sag Stalin zu ihm
Lila Eule. Ein autobiographischer Ost-West-Bremen-Berlin-Sex-and-Drugs-and-Rock-’n’-Roll-Roman vom ehemaligen Spiegel-Mann Cordt Schnibben. Junge Welt, 9. Juli 2025.
Der Anruf kam kurz nach den »Tagesthemen«. »Carl, flieg morgen früh nach Berlin … fahr rüber in den Osten und bring uns die beste Story über den Mauerfall.« Spiegel-Redakteur Cordt Schnibben, äh, Spiegel-Redakteur Carl Lederer, Schnibbens Romanheld und Alter ego, fährt hin. »Seit die Leute da drüben zu Zehntausenden auf den Straßen marschieren, zieht Mara mit Spruchbändern durch meinen Kopf«, sinniert er. Er will Mara, die »Frau, die der Sozialismus (ihm) nicht gegönnt hat«, wiedersehen. Außerdem »kriecht« aus dem Staub der zusammenfallenden Mauer die Frage: Warum war ich mal Kommunist? Warum bin ich es nicht mehr?
Das Insekt kann nicht gezeichnet werden
Access Kafka. Im Jüdischen Museum Berlin kann man mit Hilfe der Kunst Zugang zu Kafkas Werk finden.

»I’m writing for people, baby!«
James Baldwin zum 100.: Ein biographischer Essay porträtiert den US-Schriftsteller als Zeugen des 20. Jahrhunderts.
In der Stunde der Gefahr
Die Notizbücher Erich Mühsams geben Einblick in seine politischen und privaten Aktivitäten von 1926 bis 1933

Ein Abend in der mexikanischen Botschaft über das Exilwerk von Anna Seghers

Neue Perspektiven auf Anna Seghers versprach eine Veranstaltung Ende Februar im imposant-modernen mexikanischen Botschaftsgebäude in Berlin-Tiergarten, mit dem »Mexiko seine einzigartige Stellung in Lateinamerika auch architektonisch zum Ausdruck« bringe, wie der Moderator Peter B. Schumann gleich zu Beginn sagte.
